epaselect epa05227095 A picture made available 23 March 2016 shows Syrian children playing on a street in the Teshreen neighbourhood of Damascus, Syria, 22 March 2016. The area is controlled by forces opposing the Syrian regime. EPA/MOHAMMED BADRA

Fünf Jahre nach den ersten Toten: Syriens Revolution kehrt zurück

Am 15. März 2011 begann die Revolution in Syrien. Damals noch als Revolution – drei Tage danach, am 18. März, starb der erste Demonstrant. Viel, wirklich sehr viel Scheiße ist passiert in Syrien seither. Wer heute den Begriff „Syrian Revolution“ googlet, der bekommt „Syrien Civil War“ also Bürgerkrieg vorgeschlagen. Die Revolution liegt in Trümmern, wie das ganze Land auch.

 

März 2011: Wir Syrer gehen auf die Straße. Wir verlangen Freiheit und Würde. Es ist der Beginn eines langen Krieges. Eines Krieges, in dem jeder von uns Tote in der Familie beklagt, Freunde verliert, oder Bekannte zu Feinden werden. Das alles fing am 18. März vor fünf Jahren an. Mit dem ersten Schuss auf die Demonstranten. Seitdem frage ich mich: Wann wird die letzte Patrone in meiner Heimat abgefeuert? Jeden Tag warte ich darauf, dass dieser Traum in Erfüllung geht.

Ameen Nasir demonstriert
Ameen Nasir

In Tunesien hatte die Revolution schon Demokratie und Freiheit gebracht. Und schnell kommt ein Hauch des arabischen Frühlings auch zu uns nach Syrien. Vor allem in die Stadt Daraa. Dort schreien die Demonstranten: „Das Volk verlangt den Fall des Regimes“.

Ich kann mich genau daran erinnern, wie wir uns an der UNI unterhalten haben. Über die Revolution, die Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Aber dann sterben die ersten Demonstranten. Für uns ändert das nichts. Wir gehen weiter auf die Straße. Im Gedenken an die ersten Toten – denen noch so viele folgen sollten.

Ich kann mich genau daran erinnern, wie wir uns an der UNI unterhalten haben. Über die Revolution, die Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Aber dann sterben die ersten Demonstranten. Für uns ändert das nichts. Wir gehen weiter auf die Straße. Im Gedenken an die ersten Toten – denen noch so viele folgen sollten.

Neben der Angst habe damals ich vor allem eines gespürt: Freiheit. Eine Freiheit im Denken, die ich bis dahin nicht kannte.. Wir alle sind in Angst aufgewachsen – und dieses kleine Gefühl der Freiheit hat mein altes Leben beendet und mich in ein neues Leben geworfen. Voller Chaos. Aber auch voller Selbstbewusstsein. Mein Vater hatte mir immer gesagt ich soll „flüstern“ wenn ich über Politik spreche. Weil die Wände Ohren haben. Bis er selbst auf eine Demonstration geht. Seine erste. „Das ist der Klang der Freiheit“ ruft er. Und weint dabei.

Bis November 2011 sind schon 10 000 Menschen gestorben. Opfer gibt es auch in meiner Heimatstadt Deir ez Zoor. Darunter Freunde, Cousins. Der Krieg gegen das eigene Volk beginnt. Zuerst verschwinden Menschen, werden gefoltert. Der Geheimdienst entführt meinen guten Freund Wassam – bis heute ist er nicht wieder zurückgekehrt. Mein Bruder war lange verschwunden – Gott sein Dank haben sie ihn wieder entlassen. Meine Familie lebt immer noch in Angst.

Und dann kommt die Religion ins Spiel.. Wozu das führt sehen wir heute. Ausländische Jungs kämpfen in Syrien – und der einzige, dem das nutzt ist Bashar al Assad. Er steht jetzt als letzter Retter gegen die islamistische Bedrohung da.

Die Demonstrationen hörten auf. Die Sprechchöre der Demonstranten wichen dem Lärm des Krieges. Alle führen Krieg gegen uns, egal ob im Namen Allahs oder des Nationalismus. Heute, fünf Jahre nach den ersten Toten, herrscht Waffenruhe – das kommt meinem Traum von der letzten Kugel schon sehr nahe. Vor allem weil die Syrer diese Waffenruhe nutzen. Sie gehen wieder auf die Straße. Sie demonstrieren. Aber dieses Mal nicht nur gegen das Regime, sondern auch gegen alle anderen Gruppierungen. Wir Syrer haben gelernt: es macht keinen Unterschied wer das Volk unterdrückt.

Von Ameen Nasir am 24. März 2016 um 1:18 Uhr