„Manchmal meckere ich über Deutschland, weil es oft sehr kalt ist“

Im Sommer 2015 ging der Krieg in Syrien in sein viertes Jahr. Er wurde immer brutaler und das Blutvergießen nahm immer mehr zu.

Viele Syrer wiederholen immer wieder diesen einen Grund für ihre Flucht: „Sie wollten nicht zur bloßen Nummer in dieser Todesmaschinerie werden, die jeden Abend in den Nachrichten Thema ist“.

Viele Geflüchtete konnten Deutschland in Sicherheit erreichen, während andere im Meer ertrunken sind. Die Deutschen warteten zum Beispiel am Münchner Hauptbahnhof oder auch nahe der Grenzen auf sie, um ihnen zu helfen. Diese Geste der Menschlichkeit ist von sehr großer Bedeutung für die deutsche Gesellschaft. Diese Szenen können niemals  vergessen und auch nicht aus der Geschichte dieses Landes jemals gelöscht werden.

Aber es scheint, dass eben nicht alle Deutschen die Flüchtlinge willkommen heißen, viele machen sich Sorgen wegen der großen Anzahl der Geflüchteten und wegen der kulturellen Unterschiede dieser Menschen.  Es geht vor allem über die „Integration“ und die Schwierigkeiten, die damit einhergehen. Und plötzlich trat die deutsche Bundeskanzlerin nach vorne und rief: „ Wir schaffen das!“

„Warum kommst Du nach Deutschland?“ Ich habe diesen Satz schon so oft gehört und ich antworte immer darauf: Weil ich das deutsche Bier liebe und ich unbedingt mal aufs Oktoberfest gehen wollte. Ok, meine Lieben, das ist vielleicht der schlechteste Witz auf so eine schwierige Frage.

„Ich schaffe das!“

Was mich angetrieben hat aus meinem Land zu fliehen war der Wunsch und das Verlangen mein Leben wieder neu aufzubauen, weil es im Krieg zerstört wurde. Das ist ein ziemlich starkes Motiv, oder? Ich möchte einige der Dinge zurück bekommen, die ich verloren habe.  Sicherlich nicht alles, aber zumindest etwas. Ich habe mir, bevor ich hierher gekommen bin, selbst geschworen und mir immer wieder gesagt: „Ich schaffe das!“ Aber was bedeutet das eigentlich genau für mich? Es heißt, dass ich hier einen Job bekomme und vielleicht sogar zurück an die Uni kann. Diese zwei Dinge bedeuten für mich, mein Leben wieder neu aufzubauen – der deutsche Staat nennt das „Integration“.

Aber einen Moment mal bitte, ist das „Integration“? Oder hat die Integration eigentlich noch ganz andere Aspekte? Wenn das Integration sein soll, dann keine Angst, denn alle Syrer und Geflüchtete wollen Deutsch lernen, einen Job finden oder eine Möglichkeit bekommen an der Universität zu studieren.

Ich habe hunderte Beispiele in meinem Freundeskreis, die es binnen kürzester Zeit schaffen, die Sprache zu lernen, einen Job zu finden und Steuern in diesem Land zu zahlen.

Kulturelle Integration braucht Zeit

Aber natürlich gibt es einen anderen wichtigen Punkt bezüglich der Integration, das ist der kulturelle. Die kulturelle Integration funktioniert nur, wenn der Geflüchtete ein Teil der deutschen Gesellschaft wird und die Werte hier respektiert. Das bedeutet, dass die Geflüchteten hier das demokratische System und den zivilen Staat verstehen und akzeptieren und darüber hinaus die Rechte der Frauen und die der Homosexuellen als gleichwertig achten. Und nicht zu vergessen die Menschenrechte im Allgemeinen als Rahmen für alles. Das alles braucht Zeit, spezielle Kurse und Anstrengungen, aber ich glaube, dass es funktionieren wird, vor allem für die Syrer, die in den letzten Jahren politisch aktiv gegen die Diktatur waren. Sie kämpften so hart für die Freiheit und die Demokratie.  Sehr viele hatten die Schnauze voll von alten Traditionen und den Bräuchen in ihrer Gesellschaft. Sie wollten endlich eine Veränderung.

Zu den Deutschen möchte ich einfach nur „Danke“ sagen für all die Hilfe. Ich kann einige eurer Bedenken sehr gut nachvollziehen und Ihr habt das Recht darüber laut zu diskutieren und wir müssen hart daran arbeiten, dass die Bedenken weniger und weniger werden. Was Eurer Land so einzigartig macht ist, dass es hier Frieden gibt, also wahrt ihn und teilt ihn mit denjenigen, die danach suchen. Manchmal meckere ich über Deutschland, weil es oft sehr kalt ist , aber Ihr habt uns viel Liebe und Wärme geschenkt. Ich möchte Euch dafür danken.

Von Ameen Nasir am 31. August 2016 um 4:13 Uhr