Die syrische Band Assa’aleek: Niemand sonst bringt mich so zum Tanzen

Eigentlich bringt mich nichts zum Tanzen, denn normalerweise reagiert mein Körper nicht auf Musik, unterwirft sich keinem Rhythmus, fühlt sich überwiegend taub an. Auch an syrischen Hochzeiten kann ich keinen Dabke mittanzen, weder den Grundschritt noch die vielen akrobatischen Bewegungen, an denen dieser traditionelle syrische Tanz so reich ist.
All dies hat sich erst kürzlich verändert und das begann mit einem Link, in der E-Mail
eines Freundes. Dieser Link führte mich zu einer Band namens Assa’aleek,
deren Musik und Rhythmus meinen Körper beweglicher, ja gefügig machte. Die
Band Assa’aleek besteht aus jungen Syrern, die alle ihre Heimat wegen des Krieges
verlassen mussten. Erst ihre Leidenschaft für die Musik führte sie zusammen, gab
ihnen eine neue Zugehörigkeit, im Exil in Beirut.

Assa’aleek mit Mona Al Merstany, Sam Abdullah, Abodi Jatal, Inger Hannisdal, Nazeer Salama und Mohamad Khayata /Foto: facebook/assaleek

“Assa’aleek” ist Plural von ”sa’alook” und beschreibt bescheidene Personen, voll guten Willens, voll wohlgemeinter Absichten. Sich selbst verortet die Band bei den Nachfolgern einzelner Dichter und Ritter des prä-islamischen Zeitalters: Sie hinterfragen die Gesellschaft und ihre tradierten Werte in ihren Versen, stets aufseiten der zu Unrecht Erniedrigten. Somit folgen ihre Melodien und Texte auf moderne Weise den prä-islamischen Vorbildern.

Die Syrer haben – in ihrem Stolz darüber, dass sie als weltweit erstes Volk
Musiknoten schrieben und ein Alphabet verwendeten – genug von den ganzen
Schlachten und Kriegen, die die Welt in ihr Land gebracht hat. Seit Kriegsbeginn werden syrische Regionen mit Check Points und Ideologien in Verbindung gebracht, erst die Band “Assa’aleek” hat einen Teil syrischer Identität durch ihre Musik wiederhergestellt, endlich wieder frei von Krieg und ohne politisches Kalkül.  Und das kam so: Die Bandmitglieder haben aus jeder syrischen Region ein berühmtes Volkslied ausgewählt und es neu interpretiert, indem sie moderne und traditionelle Gesangselemente darin kombinieren. Auf diese Weise verleihen sie syrischen Städten eine neue Identität. In meiner Generation sind syrische Volkslieder keineswegs beliebt, bisher kannte ich kaum eines. Genau wie die meisten meiner Altersgenossen bevorzuge auch ich Popmusik und moderne Songs auf Arabisch, die Band “Assa’aleek” jedoch versteht es, traditionellere Musik auch jungen Leuten näherzubringen.

Auf der Suche nach Informationen über die Band “Assa’aleek” fand ich folgende
Selbstbeschreibung im Internet: “Assa’aleek” symbolisieren historisch das
Aufbegehren gegen “blindes Vertrauen” in gesellschaftliche Werte. Einem Robin
Hood vergleichbar entwarfen sie ein Konzept gesellschaftlicher Gerechtigkeit, an das
sie leichter glaubten konnten. Unsere Musik zielt darauf ab, dieses Konzept zu überdenken. Wir spielen originelle Musik, voll von Fusionen und Sarkasmus. Außerdem spielen wir Remixes aus der Volksmusik. In diesem Leben verstehen wir uns als Partner. Die Welt ist unser und die Musik ist für alle. Darin spiegelt sich der revolutionäre Weg der “Assa’aleek”, frei von Waffen und Schlachten, dafür umso reicher an Musik und Freude. Es geht uns darum, Syrern durch Musik eine kollektive Identität zurückzugeben. Syrien braucht nichts dringlicher als eine neue Generation revolutionären Geist anstelle von Waffen mit sich trägt.

Syrische Lieder zeichnen sich dadurch aus, dass hinter jedem einzelnen Volkslied
eine eigene Geschichte steckt, an die sich die Menschen auch erinnern. Das Lied
“Shftk ya jaflai” (zu Deutsch: Ich sah dich auf dem Felde) beispielsweise handelt von
einem Vater und seiner Tochter. Eines Tages trug die Tochter schweres Feuerholz auf
ihren Schultern, bis sie zu einem Feld kam, wo sie die Last ablegte, sich niedersetzte
und ihren Mantel ablegte. Ihr Vater war beeindruckt von der Stärke und
Gewissenhaftigkeit des Mädchens, das solch eine schwere Last getragen hatte, und
rezitierte ein Gedicht über die Schönheit und Stärke seiner Tochter:

Ein weiteres Beispiel ist “Massad Ya Tannour” (zu Deutsch: Du glückliches Tannour-Brot). Früher kamen die Frauen und Mädchen jedes syrischen Dorfes zusammen, um auf dem Feuerplatz Brot zu backen, das man in Syrien als “Tannour” bezeichnet. Dort versuchten junge Männer, mit den Mädchen anzubandeln, bis auf einen, der sich nicht so recht traute. Er war es, der das Lied “Massad Ya Tannour” sang, das zu einem der berühmtesten syrischen Volkslieder werden sollte.

Das dritte Beispiel stammt aus Südsyrien und handelt von einem Mädchen, das
Abschied nimmt von ihrem Mann, der in den Militärdienst aufbricht. Als sie ohne ihn
mit dem Bus zurück ins Dorf fährt, kann sie den ganzen Weg über nicht aufhören zu
weinen. Einer der Fahrgäste schrieb daraufhin dieses Lied, das seitdem die syrische
Provinz Daraa repräsentiert.

Von Ameen Nasir am 13. Dezember 2019 um 3:11 Uhr