Nur wer depressiv ist, ist integriert

Auf Facebook schrieb ein Freund: “Jammern ist gleich nach der Depression der zweite Schritt um sich hier zu integrieren.” Solange man nicht depressiv geworden ist, kann man nicht gut von Integration sprechen, glaubt er. Damit ist er keineswegs allein: Viele Syrer denken so und manche von ihnen zögern nicht, sich in syrischen Facebook-Gruppen über Psychologen in Deutschland und über die eigenen Erfahrungen mit der Depression auszutauschen.

Im 19. Jahrhundert diskutierten Sozialwissenschaftler in Europa über das Phänomen der Moderne und seine Auswirkungen auf die Gesellschaft und die Individuen, insbesondere in Bezug auf den psychologischen Zustand, neue soziale Beziehungen und das veränderte Verhältnis zur Realität. Ich habe zum ersten Mal über die Moderne gelesen, als ich in Syrien war, einem Land, in dem soziale und familiäre Beziehungen fortbestehen. Diese sind nicht nur stark, sondern auch intensiv, es gibt niemanden, der entkommen und alleine sitzen kann, und wenn das passiert, dann ist das ein Zeichen, dass ein schnelles Eingreifen von Freunden und Familie erfordert. Das führt dazu, dass träumerisch veranlagte Personen ihr Bedürfnis nach Privatsphäre oder allein zu sein unterdrücken, denn sobald sie derartige Wünsche äußern, tritt das Gegenteil ein. Dann kommen erst recht alle Freunde und Verwandte herbeigeeilt. Sie werden sich zu einer Gruppe zusammenschließen, werden versuchen herauszufinden, woher dieses unverständliche, ja mysteriöse Verlangen kommt. Als ich noch in Syrien gelebt habe, hätte ich nie gedacht, dass ich die Auswirkungen der Moderne auf enge Freunde einmal hautnah miterleben würde. Und zwar in Deutschland.

Die Sehnsucht nach einem Zuhause

Seitdem das Assad-Regime seinen Krieg gegen die Träumer führt, die nach Freiheit und Demokratie für das syrische Volk gestrebt haben, reisen wir Syrer durch die Welt, immer auf der Suche nach einem sicheren Ort, an dem wir leben und das immer noch
währende Massaker in Syrien überleben können. Durch Assad und seine Verbündeten wurden die Syrer gezwungen, unter anderen Bedingungen zu leben, als sie es seit vielen Jahre gewohnt waren. So wie ich konnten auch viele andere Syrer in München Fuß fassen, Deutsch lernen und sich in den Arbeitsmarkt integrieren. Einige von ihnen klagen jedoch über einen schwierigen psychischen Zustand. Gute Freunde von mir beklagen die Isolation, die Einsamkeit und die Bedeutungslosigkeit des Lebens hier. Sie sprechen von ihrem Kampf, sich über Wasser zu halten und Genug Geld zu verdienen. Viele sagen weiterhin, wir seien trotz allem in Syrien glücklich gewesen, wobei dieses „trotz allem“ schwer nachvollziehbar ist, denn wie könnten wir trotz  der Unterdrückung und des Mangels an Freiheit und inmitten stetig schwieriger werdender Lebensbedingungen glücklich sein?

Single statt Großfamilie

In Syrien arbeitet die Mehrheit der Beschäftigten des öffentlichen Sektors bis zum Mittag, ungefähr 6 Stunden am Tag. Dann kehren sie zum Mittagessen heim zu ihrer großen Familie, in ein Haus, voll von Jung und Alt. Die Unterhaltung beginnt mit einer Teeparty nach dem Mittagessen oder einem gemütlichen Beisammensein auf dem Dach des Hauses und geht abends im Café mit Freunden und Kartenspielen weiter. Für die Menschen in Syrien ist jeder Tag eine Gelegenheit für Spaß und einfache Unterhaltung, oft ganz ohne Discobesuche oder Alkohol.

Mein Freund, der einen angesehenen Abschluss hat und seit vier Jahren arbeitet, leidet an psychischen Schmerzen und begann, einen Psychiater aufzusuchen und Medikamente gegen Depressionen zu nehmen. Er beschwert sich über die Stille in seiner Einzimmerwohnung und redet viel über das unerträgliche Leben hier, und ich höre ihm geduldig zu. Danach versuche ich, meinem Freund in kurzen und einfachen Worten Karls Marx` Theorie der Entfremdung zu erklären und inwiefern die deutsche Lebensweise diese Gefühle bei ihm auslösen könnte. Ich versuche ihn weiterhin davon zu überzeugen, dass vielleicht einfache Maßnahmen wie Reisen oder neue Hobbys oder auch Spaziergänge wirksame Lösungen für ihn sein können, aber mein Freund glaubt nicht an sozialwissenschaftliche Theorien und will auch nichts darüber lesen oder hören. Er will sein Zuhause und sein altes, vom Krieg zerrissenes Leben wieder haben.

Mein Freund ist nicht allein. Vielen geht es wie ihm. Nachdem die erste Faszination für das neue Land und das neue Leben nachgelassen haben, werden nun die Probleme sichtbarer. Sie schaffen es nicht mit  Menschen der neuen Gesellschaft Freundschaften zu schließen oder sich zu verlieben und einen geeigneten LebenspartnerIn zu finden. Um diese Hindernisse zu überwinden, dürfen wir nicht zögern, darüber zu sprechen und um Hilfe zu bitten. Und: Wir brauchen Zeit, um die neue Lebensweise zu verstehen, dann erst können wir Brücken der Kommunikation zur neuen Gesellschaft bauen und den Schock der Moderne überwinden.

Von Ameen Nasir am 12. Dezember 2019 um 1:28 Uhr