Die Sonne scheint am Abend des 21.08.2014 durch Öffnungen am Turm der Propyläen auf dem Königsplatz in München (Bayern). Foto: Peter Kneffel/dpa +++(c) dpa - Bildfunk+++ | Verwendung weltweit

Omid Soltani: Endlich wieder hoffen

Mein Name ist Omid Soltani. Ich komme aus Afghanistan. Als ich fünf Jahre alt war, zogen wir wegen des Krieges in meiner Heimat in den Iran. Der Iran war uns ja aufgrund gemeinsamer Sprache, Religion und Kultur nicht fremd.

Es gibt zwei Gruppen von Migranten aus Afghanistan im Iran. Die erste Gruppe hat einen Ausweis und die zweite keinen. Diejenigen, die einen Ausweis besitzen, müssen jedes Mal für die Verlängerung eine Menge Geld bezahlen. Sie dürfen keine Versicherung haben und sogar für die Staatlichen Schulen sind sie gezwungen monatlich eine hohe Summe hinzulegen. Viele afghanische Familien können sich diese Gebühren aber nicht leisten und schicken deshalb ihre Kinder nicht in die Schule. Aber, die die keinen Ausweis haben, dürfen erst gar nicht in die Schule. Sie können sich nicht mal frei in der Stadt bewegen. Denn wenn die Polizei sie erwischt, werden sie sofort nach Afghanistan abgeschoben.

Wenn man keinen Ausweis hat, wird man auch in keinem Krankenhaus behandelt. Vor kurzem ist deshalb ein junges afghanisches Mädchen in Shiraz im Süden vom Iran gestorben. Es hätte eine Transplantation bei ihr durchgeführt werden müssen. Aber weil das Mädchen keinen Ausweis hatte, hat man ihr nicht geholfen. Ohne einen Ausweis ist es sogar sehr schwer jemanden zu beerdigen.

Afghanen im Iran dürfen nur in sehr anstrengenden Jobs wie Bauarbeiten, Brunnen graben oder Müll recyceln arbeiten. Und das alles geht nur, wenn man eine Arbeitserlaubnis hat. Um die Arbeitserlaubnis zu verlängern, muss man auch jedes Mal viel Geld bezahlen. Die iranische Regierung schickt afghanische Migranten in den Krieg nach Syrien, weil der Staat ihnen eine Aussicht auf eine Aufenthaltsgenehmigung gibt. Einige Leichen werden ihren Familien nicht mal zurückgegeben.

Als ein achtzehnjähriger Iraner ein sechsjährige Afghanin gekidnappt, vergewaltigt und getötet hat, und ihre Leiche mit Säure verätzt hat, haben die iranischen Medien kein Wort darüber geschrieben. Wäre es umgekehrt gewesen, hätten alle ganz laut geschrien.
Nachdem ich jahrelang das Leid meiner Landsleute mitangesehen und selber gelitten habe, habe ich die größte und schwierigste Entscheidung meines Lebens getroffen und mich auf den Weg nach Europa gemacht.

Den Iran illegal zu verlassen ist lebensgefährlich. Die Soldaten an der Grenze dürfen auf Flüchtlinge schießen. Viele haben an der Grenze ihr Leben verloren. Ich hatte an der Grenze schreckliche Angst. Es fielen Schüsse. Zum Glück ist mir nichts passiert. Danach bin ich mehrere Tausend Kilometer zu Fuß nach Deutschland gegangen und es scheint mir wie ein Wunder, dass ich hier heil angekommen bin. Ich habe es echt geschafft, mein schweres Leben im Iran hinter mir zu lassen. Ich war einer der Letzten, die es geschafft haben. Da die Grenzen geschlossen wurden, schafft es heute fast keiner mehr.

Früher war ich voller Energie und Fröhlichkeit. Aber ich wurde depressiv, weil ich im Iran nirgendwo einen eigenen Platz hatte. Ich wollte zur Uni gehen, ich wollte mich für einen Kunstkurs anmelden und ich wollte ein Praktikum als Krankenpfleger machen. Das alles war im Iran nicht möglich, weil ich nunmal Afghane bin. Hier in Deutschland besuche ich einen Deutschkurs und durfte meine Zeichnungen schon in einer Sammelausstellung präsentieren. Das alles, obwohl ich erst seit ein paar Monaten hier bin. Auch wenn die Menschen hier eine andere Sprache, Religion und Kultur haben, habe ich das Gefühl, dass man mich hier sieht, mich wahr nimmt und ich endlich gehört werde.

Von Messages of Refugees am 2. September 2016 um 10:30 Uhr